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Tony Christie – Now’s The Time: „The Schlager-People are dying“

Das neue Album von Tony Christie „Now’s The Time“ überrascht: Der britische Schlagersänger („Is This The Way To Amarillo?“) legt eine stilvolle Mod/Northern-Soul Platte vor; letzte Woche traf ich ihn und konnte mit ihm darüber sprechen.

Tony Christie hatte bisher einen Nummer-1-Hit in Großbritannien, ein Stück, das wohl jeder kennt, das von Neil Sedaka geschriebene „Is This The Way To Amarillo?“. Die Nummer 1 enterte er allerdings erst 2005, und nicht 1971, als es veröffentlicht wurde: Der Witzbold Peter Kay benutzte es in seiner Comedy-Show und „Amarillo“ wurde der Erkennungssong für einen Wohltätigkeitsfonds. 1971 stieg der Song in England nur bis auf Platz 18, während es in Deutschland und Spanien, Holland, und vielen anderen Ländern aber auf Platz 1 stand. Christie erklärt es damit, dass die Platte, zur Urlaubszeit veröffentlicht, von den meisten Briten in Spanien gekauft wurde. Mittlerweile ist dieser Song ja auf den Fußballplätzen der Welt zuhause und jedem vom Mitgröhlen bekannt (die deutsche Version sang übrigens Roberto Blanco).

Into the Schlager

In den 90er Jahren arbeitete Tony Christie sehr erfolgreich mit dem deutschen Schlagerproduzenten Jack White zusammen, er tourte viel in Deutschland und war ein gerngesehener Gast in Schlager-Fernsehsendungen. Aber diese Kollaboration zementierte natürlich sein Image als seichter Schlagersänger. Dieses Image wollte er nun abschütteln, als er von Sony/Columbia nach neuen Aufnahmen gefragt wurde. Columbia vermittelte ihn daraufhin an das Londoner -Mod-Label Acid Jazz.

Der eigentliche Grund warum Christie überhaupt ein thematisches 60er Jahre Album gemacht hat, ist nämlich eigentlich Acid-Jazz Label-Chef und DJ Eddie Piller: Er spielte in seinen DJ-Sets öfters eine unbekannte Single B-Seite von Tony Christie, das Stück „Give Me Your Love Again“ von 1971, das in der Northern Soul Szene zu einem Hit wurde. Und Tony Christie wunderte sich, dass zu seinen Live-Konzerten zunehmend Mods, Reenies, Northern Soulies und andere seltsam gekleidete Menschen vor der Bühne standen.

Eddie Piller-Spin: Tony Christie – „Give Me Your Love Again“

Ob er denn auch ein Mod sei, fragte ich den 67jährigen Tony Christie, der eigentlich Anthony Fitzgerald heißt, leicht provokant. Nein, und er reagierte mit der ihm eigenen britischen Zurückhaltung, nein, das würde er nicht sagen. Jetzt, wo er vor mir sitzt, scheint mir die Frage auch vollkommen abwegig, doch nach dem Hören von „Now’s The Time“ lag diese Frage doch irgendwie auf der Hand. Denn es ist eine Platte ganz im Geiste der Sixties, swingend, mod-rockend und Northern soulig schleichend. Eine Platte, die ihm der Songschreiber Michael Ward und der Produzent Richard Barratt (aka DJ Parrot) von der Band „All Seeing I“ stilsicher auf den Leib geschneidert haben, so wie der Herrenausstatter William Hunt den perfekt sitzenden Sechziger-Jahre Anzug, den Christie auf den Fotos des Album-Covers trägt.

Das Produzenten-Team aus Sheffield hatte Christie schon 1999 zum einem veritablen Hit im Königreich verholfen, „Walk like a Panther“, ein Stück, das Jarvis Cocker von Pulp für ihn geschrieben hatte. Auf „Now’s The Time“ hat Cocker auch einen Song beigesteuert, „Get Christie“. Das bekannte Filmmusiksample von Roy Budd, „Get Carter“ steht im Zentrum, und er hat drumherum ein Stück geschrieben, das vom Text her sehr großmäulig, mackermäßig daherkommt, und wohl besser zu ihm passt, denn zu Tony Christie, dem zurückhaltenden, guterzogenen Schlagersänger. „Tongue-in-cheek“ nennt er das Stück deshalb selbstreflektierend, also eher ironisch gemeint.

Die Sheffield Connection

Auf „7Hills“ singt Christie ein schönes Duett mit Roisin Murphy von Moloko – auch eine Sheffielder Band – das war eigentlich schon für sein Album „Made in Sheffield“ geplant, wollte Christie aber unbedingt nachholen. Sowieso spürt man noch die Sheffield Connection, denn er, wie auch „The All Seeing I“ und Jarvis Cocker stammen daher.Die Arbeit mit Ward und Barratt war neu und anders für ihn. Sie haben eine ganz andere Herangehensweise. „Früher habe ich meine Aufnahmen live mit einer ganzen Band eingespielt. Das neue für mich war, dass sie meinen Gesang einzeln mit Piano aufgenommen haben und dann nach und nach die anderen Instrumente ergänzt haben, die sie in unterschiedlichen Studios aufgenommen haben.“

Single-Auskopplung „Nobody in the World“ – Schon ein Hit auf Talkum-gepuderten Tanzflächen

Das Titelstück, mit dem die Platte beginnt, ist ein echter Burner. Das rockende Riff von „Now’s The Time“ist aber auch todsicher: Es ist dem 1968er R’n‘B-Hit „Soul Poppin‘“ von Johnny Jones and The King Casuals entnommen, und mit Gesang unterlegt. Interessanterweise kannte Tony Christie dieses Stück überhaupt nicht, als ich ihn danach fragte. Dean Rudland, der für Acid Jazz/Blue Note/ACE/EMI gearbeitet hat – eigentlich DER Backkatalog-Spezialist im Bereich Rhythm and Blues – hatte dieses Stück ausgesucht, und die Produzenten schrieben es dann etwas um, hier eine Note verändert, dort eine, sodass urheberrechtlich ein neues Stück entstanden ist.

Aber dies ist auch sehr bezeichnend für das Album von Tony Christie: Er hat überhaupt wenig persönlichen Bezug zu der Materie 60er Jahre Rhythm and Blues Musik. Die Experten von Acid Jazz und das Produzenten Team haben ihm ein nahezu fertiges Album vorgelegt, das er als Sänger ausfüllen musste. Aber das hat er wirklich gut gemacht. Und man hört, dass es ihm Spaß gemacht hat. Soviel, dass schon ein weiteres Album in diesem Stil geplant ist. Und im nächsten Jahr kommt Tony Christie mit einer neunköpfigen Band auf Tour und dann ist er auch in Berlin zu erleben, und darauf kann man sich schon mal freuen. Das Publikum ist bereit für einen neuen Tony Christie: „The Schlager-People are dying“ sagt er.

Felix Steinbild

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